Spotlight Supply Chain - Alles eine Frage der Nachhaltigkeit?

January 12, 2022 Tanja Reilly

Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie und den andauernden logistischen Kapazitätsengpässen wurde deutlich, dass Lieferketten auf “good times” und “just in time” ausgerichtet sind und nicht für volatile und unsichere Zeiten konzipiert wurden. Gleichzeitig steigt der Druck, nicht nur zu liefern, sondern auch verantwortungsvoll zu produzieren. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz bringt menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten in den Wertschöpfungsketten in den Fokus des Risikomanagements und verpflichtet damit Unternehmen ihre Beschaffungsstrategien zu überdenken, Stakeholder, Finanzinstitute, Versicherer, Konsument*innen stellen vermehrt Anforderungen an und Nachfragen zur Nachhaltigkeit. Stehen wir vielleicht endlich vor einem Paradigmenwechsel im Einkauf, in dem nachhaltige Beschaffung, als Mutter der Dinge, Resilienz, Sorgfaltspflicht, Zukunftsfähigkeit und “People, Planet und Profit” zusammenbringt oder bleibt es bei einem reinen Compliance-Ansatz?

 

Es ist an der Zeit, Lieferketten zu überdenken und neu aufzubauen

Im Sustainable Procurement Barometer 2021 gaben 63 % der Führungskräfte an, dass Nachhaltigkeit jetzt sehr wichtig sei für die Erreichung der Unternehmensziele, während es vor zwei Jahren nur 25 % waren. Gleichzeitig antworteten 46 % der Lieferanten, dass das Commitment ihrer Kunden zur Nachhaltigkeit "nur auf dem Papier wichtig" sei. Mit dem bevorstehenden LkSG und zunehmenden CO2- und Umweltregulierungen wird es nun allerdings ernst für Unternehmen sich neben Kosten, Lieferzeit und Qualität mit Menschenrechtsstandards und Umweltschutzmaßnahmen als Beschaffungskriterien auseinanderzusetzen und das Commitment in Lieferantenbeziehungen zu integrieren. Bisher lag der Fokus der Unternehmen auf internen und selbstbezogenen Maßnahmen in Bezug auf Ethik, Umwelt und Arbeits- und Menschenrechte und weniger auf der nachhaltigen Beschaffung, und damit auf der Lieferkette. In Übereinstimmung mit dem Barometer zeigt der aktuelle EcoVadis Index, der auf über 72.000 Ratings von mehr als 46.000 Unternehmen basiert, dass das Thema Arbeits- und Menschenrechte von Unternehmen priorisiert ist und den stärksten Anstieg in der Leistungsverbesserung aufweist. Jedoch ist global und branchenübergreifend die Leistung der bewerteten Unternehmen im Bereich der nachhaltigen Beschaffung tendenziell rückläufig, was angesichts der durch die COVID-19-Pandemie verschärften Lieferkettenrisiken  und der Klimakrise Anlass zur Sorge gibt.

Das Lieferkettengesetz als Teil des Puzzles

Während der politischen und gesellschaftlichen Debatten um das LkSG in den vergangenen Jahren hat sich der Return on Invest von Nachhaltigkeit längst gezeigt, und zwar in den verschiedensten Bereichen. Von der Arbeitgeberattraktivität, die nicht nur für HR sondern auch für den Nachwuchs im Einkauf von großer Bedeutung ist, über immense Kosteneinsparungen, hin zu Umsatzsteigerungen, günstigere Kredit- und Zinsvergabebedingungen, verbesserten Lieferantenbeziehungen und bessere Kommunikation und damit mehr Widerstandsfähigkeit und besseres Change Management. Sowohl Einkaufsorganisationen wie auch Lieferanten, die Nachhaltigkeitsprogramme oder -initiativen aufgesetzt haben, sind nachweislich besser durch die Krise gesteuert, als Unternehmen ohne.

Das Lieferkettengesetz ist ein regulatorischer Sprung auf den globalen Nachhaltigkeitszug, der gerade erst an Fahrt aufnimmt. Die EU wird verschärft folgen und neue Anforderungen an das Thema Wirtschaft und Menschenrechte setzen und zeitgleich mit dem EU Green Deal den Handlungsdruck im Bereich Umwelt- und Klimaschutz weiter verstärken - und dabei die Lieferketten im Fokus haben. 

Bisher zeigt sich in den EcoVadis Daten das Thema Nachhaltige Beschaffung neben den Themen Ethik, Arbeits- und Menschenrechte und Umwelt, als das Thema mit der schwächsten Leistung. Betrachtet man die regionalen Ergebnisse im Bereich der nachhaltigen Beschaffung, so liegt Europa mit 42,0 Punkten im Jahr 2020 klar an der Spitze, und der Kontinent weist eine eine relativ stabile fünfjährige Entwicklung des Scores. Im Vergleich dazu sind die Werte in allen anderen Regionen in den letzten fünf Jahren gesunken. Die Unternehmen in der EU liegen gleichauf mit Europa insgesamt, und Führungsstatus der Region spiegelt die fortschrittlichen regulatorischen Entwicklungen wider, die auf dem gesamten Kontinent im Hinblick auf die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette stattfinden. Die nachhaltige Beschaffungsleistung ist in den vier größten Volkswirtschaften der EU (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) im Jahr 2020 gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen sogar verbessert, während die Unternehmen in den nördlichsten Mitgliedstaaten - nämlich Schweden, Finnland und Dänemark - ihr bemerkenswert hohes und konstantes Bewertungsniveau in diesem Bereich beibehalten haben. Dies kann als Ergebnis eines langjährigen sozialen und politischen Engagements für den Klimaschutz verstanden werden, das in der nordischen Region weit verbreitet ist, und ist auch Ausdruck der Auswirkungen der nationalen regulatorischen Trends in Richtung einer obligatorischen Sorgfaltspflicht, wie sie kürzlich in Norwegen eingeführt wurde. 

Reine Compliance ist nur der Anfang

Insbesondere kleine Unternehmen hörte man beim Lieferkettengesetz aufatmen - “wir sind nicht betroffen”. Viele andere sind in Panik verfallen, “Was bedeutet das? Was müssen wir tun?” - Und eins muss klar sein, es gibt keine perfekte Vorlagen-Lösung für die Erfüllung des Lieferkettengesetzes, es gibt keine Beratungsfirma, keinen technologischen Lösungsanbieter, um alle Anforderungen abzudecken. Es braucht Change-Management, Know-How-Aufbau im Einkauf, die Umstrukturierung und Neudenken von Prozessen und Beschaffungskriterien, Kommunikation, Supplier Engagement und neue, nachhaltigkeitsbezogene KPIs im Einkauf. Wie am Anfang gesagt, schätzen 46 % der Lieferanten das Commitment ihrer Kunden als “nur auf dem Papier” wichtig ein. Im LkSG aufgeführte Maßnahmen wie ein Lieferanten-Verhaltenskodex sind wichtig, ohne weiterführende Überprüfung oder Bewertung eines aufgrund des Standorts, der Kategorie oder Ausgabenvolumen risikobehafteten Lieferanten, bleibt der Code of Conduct unter Umständen tatsächlich bloßes Papier. 

Geht es nicht auch anders?

Gerade kürzlich hat die Sektorinitiative “Together for Sustainability” ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Visionär und sich der Verantwortung bewusst haben sich 2011 sechs Unternehmen zusammengetan, um Standards für nachhaltige Lieferketten in der chemischen Industrie zu schaffen. Mittlerweile sind 31 Unternehmen Teil der TfS und erzielen positive Auswirkungen in Bezug auf Risikominimierung und Nachhaltigkeitverbesserungen in ihren globalen Lieferketten. Die Mitgliedsunternehmen der TfS, aber auch andere Unternehmen im Markt haben bereits einen enormen Vorsprung an Know-How, Best Practices und Tooleinsatz zum Nachhaltigkeitsrisiko- und Nachhaltigkeitsleistungsmanagement in ihren Lieferketten. Zusätzlich hat sich gezeigt, je höher der Reifegrad der Nachhaltigkeitsprogramme ist, desto mehr Mehrwerte und Return on Invest können erzielt werden.

Unternehmen, die jetzt hingegen einen reinen Compliance-fokussierten Ansatz für das Lieferkettengesetz verfolgen und den Aufbau langfristiger nachhaltiger Beschaffungsprogramme und das Lieferantenmanagement vernachlässigen, werden spätestens mit der EU-Regulierung erneut aus der Kurve fliegen. 

Über den Autor

Tanja Reilly

Tanja ist Expertin für nachhaltige Beschaffung und verantwortet bei EcoVadis 5 Jahren die D-A-CH Region. Bevor sie zu EcoVadis kam, arbeitete sie langjährig im Compliance-Umfeld und betreute zuvor als Consultant internationale SAP-Implementierungsprojekte. Tanja hält regelmäßig Vorträge und Workshops zu nachhaltiger Beschaffung und Business Value-Steigerung durch verbesserte Nachhaltigkeitsperformance.

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