Sustain 2021: Wie wir die globalen Lieferketten überdenken und neu gestalten können

Die Sustain 2021 fand am 8. und 9. März mit einer hochkarätigen Auswahl an Redner:innen und Vorträgen statt, die uns zu einem Umdenken unter dem Motto #RethinkRebuild ermutigten und einen neuen Teilnehmerrekord aufstellten. Mit 3.000 Teilnehmern aus 79 Ländern verdoppelten sich die Zahlen vom letzten Jahr, was zeigt, dass sich das globale Bewusstsein und Engagement für nachhaltige Beschaffung immens gesteigert hat.

Zu den Hauptrednern der Konferenz gehörte der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, Mitbegründer und Vorsitzender von Generation Investment Management sowie des Climate Reality Project, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Lösung der Klimakrise widmet. Al Gore sprach während der Plenarsitzung am 8. März zu den Teilnehmer:innen und betonte die Dringlichkeit der Klimakrise. Gleichzeitig, wies er aber auch auf die Möglichkeiten hin, die innerhalb von Unternehmen und Lieferketten bestehen, um den Wandel voranzutreiben.

Hoffnung in einer Zeit der Krise

"Es besteht kein Zweifel, dass 2020 ein besonders turbulentes Jahr war, in dem die COVID-Pandemie weltweit Millionen von Menschen erkrankte und tötete", sagte Gore. Neben der Pandemie sprach er von Bewegungen gegen rassistische Ungerechtigkeit sowie von extremen, durch die Klimakrise angetriebenen Wetterereignissen, die die globalen Lieferketten zu unterbrechen drohen, indem sie die Produktion von weltweit benötigten Gütern beeinträchtigen. 

Obwohl die Aussichten düster erscheinen, sagte Gore, dass er wahre Hoffnung hat, sowohl wirtschaftlich als auch politisch und glaubt, dass das vergangene Jahr - und die aktuelle Krise - Chancen geschaffen hat, die nicht verpasst werden dürfen. 

Er merkte an, dass mit der Amtseinführung von Joe Biden als Präsident der Vereinigten Staaten ein erneuter Impuls zur Lösung der Klimakrise in Partnerschaft mit den Verbündeten in Europa entstanden ist. Amerika ist bereits dem Pariser Abkommen beigetreten und der neue Präsident hat 2 Billionen Dollar zugesichert, um das Land in eine Zukunft mit sauberer Energie zu führen. Führende Politiker in China, Japan und Südkorea haben sich ebenfalls dazu verpflichtet, innerhalb der nächsten Jahrzehnte kohlenstoffneutral zu werden.

Die EU hat sich unterdessen dazu verpflichtet, den EU Green Deal mit einem CO2-Grenzausgleichsmechanismus für Länder mit einer unzureichenden Klimapolitik umzusetzen, um eine Verlagerung von CO2-Emissionen zu verhindern und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu schützen. Der Grenzausgleich wird die beschleunigte Dekarbonisierung der einzelnen Wirtschaften vorantreiben. 


Eine globale Beschleunigung

Darüber hinaus hat das Tempo in letzter Zeit deutlich zugenommen. Gore bestätigte dies, indem er den deutschen Wirtschaftswissenschaftler Rudi Dornbusch mit den Worten zitierte: "In der Wirtschaft brauchen die Dinge länger als man denkt, um zu geschehen, und dann geschehen sie schneller, als man dachte, dass sie geschehen könnten."

"Die Nachhaltigkeitsrevolution ist in vollem Gange", sagte Gore, und sie beginnt, die Welt umzugestalten, indem sie unsere Beziehungen zur Wirtschaft, zur Umwelt und zueinander transformiert. Infolgedessen wird der Transport von Unternehmen mit Elektrofahrzeugen neu erfunden, die Landwirtschaft mit regenerativen Anbaumethoden und alternativen Optionen zu Fleisch neu definiert und der Energieverbrauch durch die Integration erneuerbarer Energien in die Stromnetze neu gestaltet.

Dieser Meinung ist auch der CEO von Schneider Electric, Jean-Pascal Tricoire, der der Ansicht ist, dass die Welt viel davon lernen kann, wie sie sich auf die Pandemie eingestellt hat, und darauf hinweist, dass die Art und Weise, wie wir heute arbeiten, viel nachhaltiger ist als vor der Pandemie. "Wir alle haben im letzten Jahr gelernt, auf eine andere Art zu leben. Es gibt Dinge, zu denen wir nie wieder zurückkehren sollten. Es gibt Dinge, die wir in Zukunft anders machen sollten." 
 
Tricoire betonte auch die Notwendigkeit sofortigen Handelns, wenn wir je eine Hoffnung bei der Bekämpfung des Klimawandels haben wollen: "Wir sollten niemals, niemals das Gefühl für die Dringlichkeit verlieren. Was mir auffällt, ist, dass wir jedes Mal, wenn wir über den Klimawandel sprechen, wir über die nächste große Innovation sprechen, die in zehn Jahren kommt, oder über Maßnahmen, die wir in fünf Jahren anwenden sollten. Sehen wir der Realität ins Auge... Wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, werden wir vor 10 Jahren keinen positiven Effekt von dem sehen, was wir jetzt entscheiden. Jede Entscheidung heute zählt."

Die gute Nachricht sei, wie Tricoire weiter hervorhob, dass die Technologien, die benötigt werden, um nachhaltiger zu bauen und zu arbeiten, bereits existieren und wir wissen, wie wir sie nutzen können. Das Einzige, was wir brauchen, ist eine Änderung unserer Denkweise, der Art und Weise, wie wir gestalten und wie wir bauen. Und das Tempo zu überdenken, mit dem wir bereit sind, unsere Gewohnheiten zu ändern. 


Wie können wir dies in globalen Lieferketten anwenden?

Wenn wir die globalen Lieferketten genauer betrachten - was sind die wichtigsten Aspekte, die wir neu überdenken müssen - und was sind die wichtigsten Trends, die sich im vergangenen Jahr abgezeichnet haben? 

Die COVID-19-Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, unsere globalen Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Der Versorgungsschock, der im Februar 2020 in China begann, und der Nachfrageschock, der folgte, als die Weltwirtschaft zusammenbrach, legten fast überall Schwachstellen in den Lieferketten offen. Vorübergehende Handelsbeschränkungen führten bereits wenige Wochen nach Beginn der Krise zu Engpässen bei Lebensmitteln, Arzneimitteln, medizinischem Bedarf und anderen Produkten und machten jedem klar, wie stark unsere Systeme miteinander vernetzt sind. 

Jetzt, über ein Jahr später, sind etliche dieser Probleme noch nicht gelöst. Viele Unternehmen berichten immer noch von Engpässen und nennen die COVID-19-Pandemie als Grund für Ausfälle in der Lieferkette

Andrew Newman, Procurement Director des multinationalen Handelsunternehmens Marks & Spencer mit Hauptsitz in London, erläuterte aus der Perspektive des Einzelhandels, wie eine große Anzahl von Unternehmen in Großbritannien unterging; nicht weil sie keinen Gewinn machten, sondern weil ihnen einfach das Geld ausgegangen war. 

"Ich würde sagen, dass niemand wirklich vorausgesehen hat, was im Jahr 2020 passieren würde. Agilität ist ein überstrapaziertes Wort, aber es ist das richtige. Wir waren im Jahr 2020 an vorderster Front der Pandemie, und wir mussten schnell handeln." Ursprünglich sei es um Kosteneinsparungen gegangen, erklärte er. Aber die großartige Arbeit, die das Team in den ersten Monaten der Krise leistete, führte zu einer neuen Sichtweise innerhalb der Gruppe und dem Wunsch des Vorstands, die Art und Weise, wie Marks & Spencers Geschäfte macht, auf breiterer Ebene zu ändern. "Die zwei Faktoren, die wir betrachteten, waren Risiko und Nachhaltigkeit", sagte Newman.

Erfahren Sie mehr über die Nachhaltigkeit von Lieferanten in der Einzelhandels- und Konsumgüterbranche und sehen Sie sich die vollständige Podiumsdiskussion an.


Vom Rating zur Zusammenarbeit

Unternehmen mit ausgereiften Nachhaltigkeitsprogrammen haben eine Reihe von Taktiken gefunden, die besonders gut funktionieren, wenn es darum geht, die globale Lieferkette widerstandsfähig zu halten. Echtes Engagement und Zusammenarbeit werden mit Abstand am häufigsten genannt.

Jan Geisler, Vice President, Purchasing Strategy bei Procter & Gamble: "Wir sind schon lange auf einer Citizenship-Reise mit vielen Fortschritten, aber es muss natürlich noch viel mehr getan werden. Wir nutzen in erster Linie unsere Marken und den Einfluss, den sie haben können. Für den Einkauf wollen wir unsere Lieferanten und Agenturen mit ins Boot holen und deren Können und Expertise nutzen, um uns auf diesem Weg zu unterstützen. Natürlich haben wir auch unsere Mitarbeiter im Blick sowie die Gemeinden, in denen wir arbeiten und leben."

Geisler betonte, dass Procter & Gamble die Lieferantenbeziehungen und deren Langfristigkeit sehr ernst nimmt und dies die Grundlage für die Arbeit des Beschaffungsteams bildet. “Wir investieren in Lieferantenbeziehungen über Jahre, oft Jahrzehnte, weil wir glauben, dass dies langfristig Wert in Bezug auf Innovation und kommerziellen Wert liefert", sagte er.  Dies wurde von Brad Adams, Global Supply Chain Sustainability und Compliance Manager bei Deere and Company, bestätigt: "Wir verlangen von unseren Lieferanten nie etwas, was wir nicht selbst tun, und wir nehmen das, was wir verlangen, ernst." 

Natalie Jaworski, Vice President of Citizenship bei Johnson & Johnson, erläuterte unterdessen, wie der Gesundheits- und Pharmariese derzeit seinen Ansatz bei den Lieferantenbeziehungen umstellt. Anstatt nur die Leistung der Zulieferer zu bewerten, legt das Unternehmen nun mehr Wert darauf, wie man ihre Nachhaltigkeitsleistung verbessern und ihren nachhaltigen Einfluss noch stärker machen kann. Und, wie Frau Jaworski betonte, ist das Unternehmen "definitiv dabei, sich zu verdoppeln, aufgrund all dessen, was wir im letzten Jahr über die Widerstandsfähigkeit unserer Lieferkette gelernt haben.

Schauen Sie sich hier die vollständige Sitzung "Maturing a Sustainable Procurement Program" an. 


Eine gerechtere Zukunft für alle

Die Redner auf der Sustain-Konferenz wiesen auch darauf hin, dass die Pandemie deutlich gemacht hat, wie wichtig es ist, Gleichbehandlung in den Mittelpunkt des "building back better" zu stellen. Tief verwurzelte soziale und rassische Ungleichheiten, die durch die Pandemie noch verschärft wurden, lösten die "Black Lives Matter"-Bewegung aus, die die USA und die ganze Welt erfasste. Sie öffnete die Tür für neue Gespräche darüber, wie wir eine gerechtere Zukunft für alle schaffen können. In der Nachhaltigkeitsdiskussion hat das Konzept des "Just Transitions", das darauf abzielt, die durch den Klimawandel am meisten gefährdeten Gemeinschaften zu schützen und zu befähigen, als wesentlicher Bestandteil von Wirtschaftserholungsstrategien an Zugkraft gewonnen.

"Zwei Dinge stehen ganz oben auf der Agenda der Beschaffung. Das eine ist der beschleunigte gesellschaftliche Einfluss, den wir ausüben müssen, und das zweite ist ein ständiger Fokus auf die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette", so Geisler von Procter & Gamble. "Gleichberechtigung und Inklusion sind unglaublich wichtig. Wir glauben, dass wir nur gemeinsam mit unserer Lieferbasis diesen positiven Wandel herbeiführen können, den unser Planet und unsere Gesellschaft brauchen.


Eine gemeinsame Zukunft 

Wenn wir in der neuen Normalität umdenken und neu aufbauen, gibt es keinen anderen Weg, als die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Und um das effektiv zu tun, müssen wir zusammenarbeiten.

Nicolas Roux, Direct Sourcing Leader bei Cytiva, sagte: "Ich bin der festen Überzeugung, dass das Unternehmen, das sich heute nicht um dieses Thema kümmert, in 10 Jahren wahrscheinlich nicht mehr da sein wird." Sein Kollege Ryan Walker, Sustainability Leader, stimmte dem zu und betonte, dass eine nachhaltige Beschaffung unerlässlich ist, wenn ein Unternehmen nachhaltig sein will. Und der beste Weg, dieses Ziel zu erreichen, ist die Zusammenarbeit mit Lieferanten, die die gleiche Einstellung teilen. 

Bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass die Zeit hier von größter Bedeutung ist, und wie Kara Hurst, Sustainability Leader bei Amazon, es ausdrückte: 

"Wir gehen weiter und schneller, wenn wir zusammen gehen."

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Dieser Artikel steht Ihnen auch in der originalen englischen Fassung oder auf französisch zum Lesen bereit. 

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