Die Zukunft des Einkaufs: Von traditioneller zu nachhaltiger Beschaffung

October 22, 2020 Tanja Reilly

Was wir heute sehen können ist der Beginn einer neuen Denkweise in der Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle einnimmt. Wie die Digitalisierung einen Umbruch in nahezu allen Lebensbereichen auslöste, sehen wir jetzt den Trend zu einer nachhaltigen Denkweise und das gestiegene Bewusstsein für die existierenden Klimakrise, gegen die keine Organisation immun ist. 

Die Covid-19-Pandemie hat weltweit das Krisenbewusstsein geschärft und die Auswirkungen einer solchen Krise auf der privaten, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ebene sichtbar gemacht. Gleichzeitig beschleunigt sich diese Entwicklung viel schneller bisher erwartet. Die jedoch größte globale Krise findet parallel zu Covid-19 statt und bedroht unser aller Existenz. Wir benötigen dringend ein Umdenken und das Bewusstsein, dass Umsätze und Profit reine und vergängliche Momentaufnahmen sind und Investitionen in Nachhaltigkeit die einzige Option für Zukunftsfähigkeit sind. Wir sehen die Forderungen nach Wandel und es gibt bereits nachhaltige Entwicklungen in den Märkten, die zeigen, dass sich auch teure Investitionen in innovative Produktentwicklung und Markenerweiterung rentieren.

Das Traditionsunternehmen Rügenwalder Mühle vermeldete dieses Jahr erstmals einen höheren Umsatz mit veganen und vegetarischen Produkten als mit ihrem klassischen Produktsortiment, mit welchem das Familienunternehmen seit 1834 am Markt ist. Gleichzeitig setzt das Unternehmen weitere Maßnahmen um und nutzt für die Produktion bspw. 100% Ökostrom.  "In unserem Unternehmen kommen pro Jahr einige Millionen Kilowattstunden an Strom zusammen. Da Nachhaltigkeit für uns nicht nur ein Modewort ist, haben wir am 1. August 2016 den Schalter umgelegt und komplett auf Ökostrom umgestellt. Übrigens: wenn man sich anschaut, welche Sektoren weltweit die meisten Treibhausgasemissionen verursachen, dann sind das die Erzeugung von Energie und die Produktion von Nahrungsmitteln. Weit mehr als Transport und Verkehr. Für die Rügenwalder Mühle ist die Förderung erneuerbarer Energien als Alternative zu Kohle- oder Atomstrom eine ebenso wichtige Maßnahme für mehr Klimaschutz wie die Herstellung pflanzenbasierter Nahrungsmittel als Alternative zu Fleisch und Wurst. Deshalb machen wir von der Rügenwalder Mühle beides.“. 

Umsatzsteigerung von 14,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr schreibt das Unternehmen ihrer erfolgreichen Anpassung an die sich wandelnden Verbraucher- und Markttrends zu. Nach Schätzungen von Bain & Company kann die Einhaltung von potentiellen zukünftigen Regulierungsmaßnahmen, die von der vollen Wasserpreisgestaltung bis hin zu strengeren Kohlenstoffsteuern reichen, dazu führen, dass ein typisches Konsumgüterunternehmen 20% bis 25% seiner heutigen Margen verlieren könnte. 

„In der Nachhaltigkeitsrevolution wird kein Unternehmen unverändert bleiben, und diejenigen, die am schnellsten handeln, werden diejenigen sein, die am Ende die Führungsposition einnehmen“ Zitat einer aktuellen Bain & Company Studie

Die Zeichen stehen deutlich auf Nachhaltigkeit doch trotz aller Dringlichkeit sehen wir, dass sich dieser Wandel für den Einkauf als schwierig erweisen kann. Was uns die Pandemie aber auch gezeigt hat, ist, dass nachhaltige Beschaffungsprogramme die Lieferkette widerstandsfähiger machen und den Unternehmenswert stärken. 

Der Markt im Wandel

Die Pandemie war nicht der Grund, aber der Auslöser für viele Entwicklungen, die aktuell an Geschwindigkeit aufnehmen.  Die steigenden Forderungen nach Nachhaltigkeit von Seiten der Regierung, Kunden, Investoren, und Arbeitnehmer sind heute klar zu sehen und damit lässt sich erkennen, was auf Unternehmen und damit auch auf den Einkauf zukommt. Unternehmen, die sich diesem Wandel und den Auswirkungen auf den Einkauf nicht stellen, werden im Wettbewerb zurückgelassen werden. 

Die regulatorischen Anforderungen steigen, wie wir an dem geplanten Gesetz der Bundesregierung zu der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht in Lieferketten - das sogenannte “Lieferkettengesetz" – klar sehen können. Geplant ist ebenfalls ein solches Gesetz ebenfalls auf europäischer Ebene voranzutreiben. Ein anderes wichtiges Thema für Unternehmen sind die Maßnahmen zur Treibhausgasemissionen. Die vor kurzem geplante Verschärfung der EU-Kommission die Klimagase bis 2030 nicht nur auf 40% sondern auf 55% unter den Wert von 1990 zu drücken muss in den nächsten Wochen noch im EU-Parlament beschlossen werden. Doch die Richtung ist klar und damit auch der Impact für Unternehmen sich zunehmend mit ihrem CO2 Ausstoß beschäftigen zu müssen. Viele Unternehmen haben bereits ihre klimaneutralen Pläne für die Eigenerzeugung und den Bezug von Energien, der für ihre Produktion und Verwaltung nötig ist (Scope 1 und 2), öffentlich bekannt gegeben. Dies ist zwar ein guter Anfang, aber tatsächlich liegt der Teil der bezeichnenden Kohlenstoffbilanz eines Unternehmens in der Wertschöpfungskette (Scope 3), die für 70% - 95% der Gesamtemissionen verantwortlich sein kann. Um immer anspruchsvollere Reduktionsziele zu erreichen, müssen Unternehmen daher die Emissionen, die in der Lieferkette (Scope 3 Upstream) entstehen, berücksichtigen und das Fundament für eine erfolgreiche Emissionsberechnung und -reduzierung legen, um eine wirkliche Klimaneutralität zu erreichen.

Um  mehr über die Auswirkungen der Kohlenstoffemissionen in der Lieferkette und die zu ergreifenden Maßnahmen zu erfahren, können Sie den EcoVadis Bericht Corporate Action on Greenhouse Gas Emissions herunterladen

Die Finanzmärkte haben den Wandel bereits erkannt und treiben ihn voran - ohne auf gesetzliche Mindeststandards zu warten, da der Renditevorsprung grüner Aktienfonds gegenüber klassischen Produkten immer größer wird. Die Nachfrage nach nachhaltigen Anlagen ist in der Krise enorm gestiegen, auf Seiten der Investmentfirmen und Banken, sowie auf Seiten der Anleger. Auch die Treibhausgasreduzierung hat einen Impact auf Investitionen, wenn man bedenkt, dass allein die Anlage in Energieproduktion und -nutzung im Vergleich zu den vergangenen Jahren um jährlich 350 Milliarden Euro gesteigert werden muss. Während wir uns vielleicht auf der einen Seite von historischen Renditen verabschieden müssen, eröffnen sich auf der anderen Seite Milliardenmärkte. 

Das Thema Nachhaltigkeit hat den Markt nicht nur im Bereich der Menschenrechte und Treibhausgasemissionen erreicht, sondern stellt einen Marktwandel dar, der wichtige Auswirkungen auf den Einkauf hat und diesen damit in eine zentrale Rolle bringt.  

Die zentrale Rolle des Einkaufs

Die Umsetzung einer erfolgreichen Nachhaltigkeitsstrategie geht nicht ohne den Einkauf oder den Lieferanten, denn bis zu 90% des Impacts eines Unternehmens liegt in der Lieferkette, wie das Beispiel der THG zeigt. Der Einkauf spielt eine zentrale Rolle bei der Zukunftsausrichtung eines Unternehmens und kann weitaus mehr als ein Kostenoptimierer sein, wenn man ihn strategisch nutzt und in die Kerngeschäfte einbezieht. 

Nicht ohne Grund investierte Unilever, einer der weltweit größten Hersteller von Verbrauchsgütern, 500 Millionen Euro in Unterstützungsmaßnahmen für seine schwächsten mittelständischen Zulieferer während der Pandemie. Sie haben die wichtige Rolle einer leistungsfähigen Lieferkette und ein nachhaltiges Beschaffungsprogramm für die Resilienz eines Unternehmens in Krisenzeiten verstanden und genutzt, um den Ereignissen besser standhalten zu können. Nachhaltigkeit steht nicht im Widerspruch zu etablierten Zielen wie die Kostensenkung, Risikominimierung und Mehrwertsteigerung des Unternehmens. Eine verbesserte Zusammenarbeit mit Lieferanten kann ein zusätzliches Erfolgskriterium für manche Unternehmen darstellen, insbesondere in Krisen. Ein langfristiger Unternehmenserfolg basiert auf neuen Ideen für Produkte und Prozesse und oft sind es die Lieferanten, die die Entwicklungen übernehmen und somit den Grundstein des Erfolges legen. 
Unternehmen mit einem reifen nachhaltigen Beschaffungsprogramm können Geschäftsvorteile erzielen, die es ihnen ermöglichen sich dem wandelnden Markt zu stellen und Vorteile wie Geschäftsgewinnung und steigende Umsätze zu erlangen. 

Nachhaltige Beschaffung als Investition in die Zukunft

Ein Beispiel hierfür ist das Unternehmen Henkel, ein weltweit tätiges Chemie- und Konsumgüterunternehmen, das durch den Nachweis seiner Nachhaltigkeitsleistung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg seine Kreditlinien reorganisieren konnte. Das grüne Darlehen ist eine innovative Finanzierung, dessen Zinssatz an die Leistung von Henkel in drei unabhängigen Nachhaltigkeitsratings, darunter EcoVadis, gekoppelt ist und zeigt, wie es seine führende Position in Nachhaltigkeit zur Senkung seiner Kapitalkosten nutzen konnte.  

In den letzten Jahren haben eine Vielzahl von Unternehmen bereits den Wandel erfolgreich eingeleitet, Best Practices geteilt und gezeigt, dass es nicht nur einen ROI von Nachhaltigkeit gibt, sondern dieser auch messbar ist. Mehr als 50% der großen Unternehmen haben durch ihre Aktivitäten im Bereich des Kohlenstoffmanagement Kosteneinsparungen erzielt und laut einer Studie der Harvard Universität können die Gesamtumsätze bis zu 20% steigen. Die Unternehmen, die führend im Bereich der nachhaltigen Beschaffung sind und als Sustainable Procurement Leader gelten, berichten darüber hinaus positive Auswirkungen in Bereichen wie Arbeitgeberattraktivität, Widerstandsfähigkeit, und Risikominimierung. Gleichzeitig verschieben sich die Renditeoptionen von traditionell zu nachhaltig.

Quelle: “Sustainability is the new Digital”, eine Studie von Bain & Company

Es sind nicht nur die regulatorischen Anforderungen, die steigen, sondern auch die Anforderungen der Stakeholder, Mitarbeiter, Kunden und Investoren, die verantwortungsbewusstes Handeln von Unternehmen erwarten. Der unaufhaltsame Trend zur Nachhaltigkeit und der sich dadurch wandelnde Markt erlaubt es dem Einkauf eine zentrale Rolle für Geschäftskontinuität und Zukunftsfähigkeit einzunehmen. Die Pandemie hat offengelegt, dass es nicht mehr reicht altbekannte Wege zu gehen, sondern die Zeit gekommen ist, zu handeln und nachhaltige Beschaffung als Zukunftstreiber für Ihr Unternehmen zu nutzen

Erfahren Sie mehr darüber wie sie einen nachhaltigen Unternehmenswert aufbauen können. 

Über den Autor

Tanja Reilly

Tanja ist Expertin für nachhaltige Beschaffung und verantwortet bei EcoVadis 5 Jahren die D-A-CH Region. Bevor sie zu EcoVadis kam, arbeitete sie langjährig im Compliance-Umfeld und betreute zuvor als Consultant internationale SAP-Implementierungsprojekte. Tanja hält regelmäßig Vorträge und Workshops zu nachhaltiger Beschaffung und Business Value-Steigerung durch verbesserte Nachhaltigkeitsperformance.

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