COVID-19: Ethisches Dilemma zeigt Schwachstellen der Sorgfaltspflicht in Lieferketten auf

Jeden Abend treten Menschen auf der ganzen Welt an ihre Fenster und Balkone und applaudieren den Helden an vorderster Front - dem medizinischen Personal und denjenigen, die sie mit Essen und Dienstleistungen unterstützen - für ihren Mut, ihr eigenes Leben im Kampf gegen dieses Virus zu riskieren. Aber nur wenige von uns sind sich vielleicht bewusst, dass es in den Tiefen der Versorgungskette noch andere Arbeiter gibt, die sich unter sklavenähnlichen Bedingungen abmühen, um die Materialien abzubauen oder Produkte herzustellen, die es diesen Helden bei uns vor Ort im Einzelhandel, Krankenhäusern und anderen Bereichen ermöglichen, ihre Arbeit fortzusetzen. Diesem ethischen Dilemma müssen wir uns stellen – als Individuen, als Unternehmen und als Gesellschaften – umso mehr, wenn diese Krise vorüber ist.

 

Menschenrechte opfern, um Leben zu retten?

Ein typisches Beispiel: Hersteller von Handschuhen medizinischer Qualität wurden durch eine induzierte Nachfrage aufgrund des Kampfes gegen das Coronavirus überwältigt (in einigen Fällen um 100 % gestiegen). Die Erfüllung dieser Bestellungen wird noch schwieriger, da die Fabriken ihre Produktionskapazität reduzieren mussten, um die gesundheitlichen und sozialen Distanzierungsrichtlinien einzuhalten. Aber der COVID-19-Schock hat unsere Aufmerksamkeit von der Tatsache abgelenkt, dass die Herstellung von Gummihandschuhen seit Jahren mit Anschuldigungen wegen Menschenrechtsverletzungen behaftet ist.  Ein aktuelles Beispiel für Durchsetzungsmaßnahmen war im September 2019, als der malaysische Gummihandschuhhersteller WRP von den amerikanischen Behörden wegen mutmaßlicher Zwangsarbeit mit einem Embargo belegt wurde. Dies ist nur eines von vielen Beispielen.

Ein halbes Jahr später, mitten in der Coronavirus-Krise sehen wir, dass die Vereinigten Staaten am 23. März die "Withhold Release Order" widerrufen haben und erklärten, dass WRP keine Gummihandschuhe mehr unter Zwangsarbeitsbedingungen herstelle. Die britische Regierung hat ein ähnliches Dilemma mit einem Hersteller namens Supermaxx, ebenfalls aus Malaysia.

Die Frage, die hier offenbleibt, ist, haben diese Unternehmen in wenigen Monate ihre Arbeitsbedingungen verbessert und dann europäische und amerikanische Einkäufer ermutigt und überzeugt, neue Aufträge für ihre Produkte zu erteilen? Oder haben die Behörden die Augen vor diesen angeblichen Verstößen verschlossen, um auf den akuten Mangel an Schutzausrüstung zu reagieren? Wenn man gezwungen ist, zwischen der Erhöhung der Zahl der COVID-19-Opfer, dem Recht auf Gesundheit und dem Risiko zu wählen, Beziehungen zu Unternehmen zu unterhalten, die möglicherweise “nicht ganz“ den internationalen Standards entsprechen, dann ist das ethische Dilemma offensichtlich in Richtung auf die Rettung von Leben entschieden. Wenn "das Schiff sinkt", stellt man nicht mehr den Kontext in Frage, in dem die Rettungswesten hergestellt wurden.

Das Dilemma hätte man vorhersehen können

Während wir durch diese COVID-19-Krise voranschreiten und die Wirtschaft sich zu einer Neuen Normalität entwickelt, müssen wir eine wesentliche Lektion festhalten: die Notwendigkeit, dass multinationale Unternehmen ihre Lieferanten im Hinblick auf Menschenrechtsfragen sorgfältig auswählen. Nach Angaben der IAO (ILO) sind mehr als 40 Millionen Menschen weltweit Opfer moderner Sklaverei. Allerdings können Subunternehmer und Lieferanten nicht erst dann überprüft werden, wenn Tausende von Menschenleben auf dem Spiel stehen und die Zeit drängt, um die Produktion und Auslieferung gesundheits-, gesundheitssystemrelevanter und auch anderer Produkte zu gewährleisten. Es muss vorher geschehen. Die Bemühungen hierzu sind noch unzureichend: Das Sustainable Procurement Barometer 2019 (das in Zusammenarbeit mit dem NYU Stern Center for Sustainable Business entwickelt wurde) zeigt, dass auch wenn 64% der großen, multinationalen Konzerne einen Verhaltenskodex für Lieferanten haben, nur 38% von ihnen jedes Jahr ihre Partner überprüfen und bewerten. Daraus folgt, dass wenn es einmal zu einem Mangel oder Knappheit kommt, die einzige Lösung für die Einkäufer darin besteht, ihre Grundsätze der sozialen Verantwortung als Unternehmen (CSR) temporär zu umgehen. Dies kann die Unternehmen aus rechtlicher Sicht weiter gefährden, da sich die regulatorische Landschaft zur Sorgfaltspflicht in der Lieferkette in den letzten fünf Jahren weiterentwickelt hat. Nun endlich zeigen Gesetze wie das französische Gesetz zur "Sorgfaltspflicht" (Devoir de vigilance) von Mutter- und Zulieferunternehmen, das 2017 verabschiedet wurde und der britische Modern Slavery Act, der 2015 in Kraft trat, heute ihre volle Bedeutung auf.

Auch in einer abgeschwächten Globalisierung bleibt die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette unerlässlich

In den letzten Jahren warf Donald Trumps Krieg gegen den grenzüberschreitenden Handel die Frage auf, ob die Globalisierung zum Stillstand kommt. Das Coronavirus erneuerte oder verstärkte den Wunsch einiger Staaten nach Selbstversorgung und lokaleren Lieferketten. Am 31. März wünschte Emmanuel Macron für Frankreich eine "volle und vollständige Unabhängigkeit" in Bezug auf Schutzmasken. Obwohl die Volkswirtschaften zu einer Neugewichtung zugunsten kürzerer Versorgungskreisläufe übergehen werden, weil sie so lange zu allem Globalen tendierten, werden sie nach dem Coronavirus nicht alle lokal werden. Lokal und global werden zwei Seiten derselben Medaille bleiben, mit deren Spannungen wir lernen müssen, besser umzugehen. Medizinische Handschuhe werden weiterhin am anderen Ende der Welt beschafft werden, weil die für die Gummiherstellung notwendigen Baumplantagen und damit die Rohstoffe vor allem in tropischen Regionen zu finden sind. Genau wie bei bestimmten anderen Rohstoffen, die für medizinische Geräte verwendet werden, werden wir auch weiterhin von Ländern abhängig sein, die in Menschenrechtsfragen "gefährdet" sind. Der Schlüssel wird die Entwicklung wirksamer, nachhaltiger Beschaffungsprogramme sein, die die besten verfügbaren Daten und Instrumente nutzen, um eine Lieferbasis aufzubauen, die das Risiko von Störungen minimiert, Verbesserungsmaßnahmen aufzeigt und gleichzeitig menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der gesamten Kette sicherstellt.

Während wir auf das Ende der COVID-19-Krise warten und gleichzeitig dem medizinischen Personal an vorderster Front applaudieren, sollten wir auch nicht vergessen, den unsichtbaren Helden zu huldigen, den Arbeitern auf der ganzen Welt, die Schutzausrüstungen für unsere Krankenschwestern und Ärzte herstellen. Die aktuelle Krise und die damit verbundene gesteigerte Nachfrage verschärfen oder bieten neues Potenzial für prekäre und sklavenähnliche Arbeitsbedingungen.

Um mehr darüber zu erfahren, wie sich die Auswirkungen der COVID-19-Krise weltweit auf die Lieferketten auswirken - und über die Herausforderungen, denen sich die Unternehmen im Gegenzug zur Normalität stellen müssen, lesen Sie unsere Infografik zu den vier Phasen der COVID-19-Reaktionen in Lieferketten.

 

 

Über den Autor

Sylvain Guyoton

Sylvain Guyoton is Senior Vice-President of Research at EcoVadis since its founding in 2007. He brings almost 20 years of experience in Sustainability and CSR. At EcoVadis, he oversees rating operations and methodology development, and sits on the Executive Committee. Sylvain holds an M.S. in Industrial Management from Cranfield University and an MBA from INSEAD.

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